Warum reformiert?

Teil I
Des Menschen Hauptziel ist es, Gott zu verherrlichen und
sich für immer an Ihm zu erfreuen.

Das Gemeinde und Missionswerk ARCHE e.V. trägt seit dem Jahr 2008 in seinem Namen den Zusatz „Evangelisch reformierte Freikirche“. Seitdem werden wir häufig gefragt, was denn das Wort „reformiert“ bedeutet?
Wie sich jeder vorstellen kann, hat es etwas mit der Reformation zu tun. Aber nicht nur mit den berühmten Reformatoren wie Luther und Calvin, sondern auch mit vielen anderen Vätern der Christenheit, die sich dafür einsetzten, das Evangelium immer wieder zu seiner biblischen Ursprünglichkeit zurückzuführen. Zu diesen Reformern gehören ohne Zweifel auch John Wyclif, John Knox, John Bunyan, Jonathan Edwards, Charles Haddon Spurgeon, George Whitefield, Georg Müller, Johann Gerhard Oncken und viele andere mehr. Sie alle hatten nur ein Ziel: Die Heilige Schrift muss alleiniger Maßstab bleiben. Zu der Heiligen Schrift hin muss die Gemeinde immer wieder neu reformiert werden. Und deshalb verfassten sie im Laufe der Jahrhunderte leuchtende Glaubensbekenntnisse und nannten ihre bibeltreuen Überzeugungen „reformierte Theologie“, der wir uns als ARCHE im Kern mit Freuden anschließen. Denn - richtig verstanden – ist sie nichts anderes als die Theologie der Bibel.
Worin nun das Herzstück dieser „reformierten Theologie“ besteht, wollen wir im Folgenden der Reihe nach erörtern. Zuvor aber noch eine wichtige Klarstellung:

Brauchen wir überhaupt Theologie?
Das Wort „Theologie“ ist für viele Christen ein Reizwort. Wenn sie dabei auch nicht immer gleich an bibelkritische Theologie denken, befürchten sie doch, dass sie in der Gemeinde zuviel Kopf und zuwenig Herz bedeutet, zuviel Theorie und zu wenig Praxis. Und ich muss ihnen Recht geben, dass diese Gefahr tatsächlich besteht, wenn Lehre in der Gemeinde lediglich Wissensvermittlung ist, den Verstand aufbläht und zum Denksport verkommt. Aber dazu wird es nicht kommen, wenn wir verstehen, dass Theologie – die Lehre über Gott – nicht von Menschen, sondern vom Allerhöchsten selbst herkommt, nämlich in Form der Heiligen Schrift. Deshalb ist Theologie ein herrliches Geschenk Gottes, durch das wir Ihn und Seinen heiligen Charakter erkennen sollen. Theologie ist die Voraussetzung dafür, Jesus überhaupt richtig lieb haben zu können und von Herzen Seine Wege zu gehen. Sie ist unerlässlich, wenn unser Denken, Fühlen, Reden und Handeln, ja unsere gesamte Existenz von Gott geprägt werden soll.
Wo es hinführt, wenn wir in diesem Sinne Theologie nicht mögen, zeigt uns die Geschichte vom goldenen Kalb. Gott hatte Mose auf den Berg Sinai vor Sein heiliges Angesicht gerufen, wo er vierzig Tage und vierzig Nächte blieb (vgl. 2.Mose 32?,17-18?). Was sollte Er dort? Einfach schöne Gefühle haben? Nein, Gottes Ziel mit ihm war Theologie pur! Mose musste sich ganz intensiv mit Gottes heiligem Wesen beschäftigen und detaillierte Anweisungen von Ihm empfangen. Dabei ging es bis in die Einzelheiten der göttlichen Gebote, um die Ordnung der Stiftshütte und der Priesterschaft sowie um die genauen Vorschriften der gottesdienstlichen Anbetung.
Und was machten die Israeliten unten am Fuß des Berges, während Moses oben gesunde Theologie lernte? Sie vollzogen einen beispiellosen Abfall. Sie bauten unter Führung Aarons, des ersten Priesters in Israel, ein goldenes Kalb. Während Mose die Geheimnisse der Herrlichkeit Gottes studierte, bastelte sein Bruder an einem neuen Glauben, so wie die Menschen ihn wünschten. Dabei kann man ja nicht sagen, dass das Volk aus lauter liberalen und weltlichen Leuten bestand oder sie gar alle Atheisten waren. Nein, man könnte sie vielleicht sogar die „Evangelikalen“ jener Tage nennen. Aber statt intensiv für Mose zu beten und sich auch selbst um gesunde Theologie zu bemühen, führte Israel eine Religion ein, deren Anbetung sich auf ein Geschöpf reduzierte. Und als sie das Prachtstück ihres modernen Glaubens präsentierten, riefen sie: „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!“ (2.Mose 32,4)

Jeder hat seine Theologie! Aber welche?
Sie waren nicht so für Theologie, aber plötzlich hatten sie doch eine. Christen, die behaupten, nicht so sehr an Lehre interessiert zu sein, wissen nicht, was sie sagen. Denn ihre Überzeugung, nicht so für Lehre zu sein, ist auch eine Lehre. So gesehen, gibt es keine Christen ohne Theologie. Jeder Christ hat eine. Die Frage ist nur, welche? Die der Heiligen Schrift oder die, wonach ihnen die Ohren jucken (vgl. 2.Timotheus 4,3)? Während Aarons Theologie den Lustgefühlen des Volkes entsprang, lernte Mose objektive und unwandelbare Wahrheit aus dem Munde Gottes selbst. Und als Mose schließlich vom Berge herunterkam, prallten diese beiden theologischen Systeme unversöhnlich aufeinander. Und das tun sie bis heute.
Was für eine Theologie verbarg sich denn hinter dem goldenen Kalb – wörtlich Bulle? Er war das Bild eines ägyptischen Gottes. Israel passte seine Religion also der Heidenwelt an, der sie gerade entflohen waren. Aber dafür hatten sie endlich einen Gott, den sie kontrollieren konnten. Ihre neue Kuh gab ihnen keine Gesetze und forderte auch keinen Gehorsam. Ihr selbst gemachter Gott mischte sich nicht in ihr Leben ein und rief auch niemand vor sein Gericht. Was für eine behagliche und alle Annehmlichkeiten bietende Theologie? Ein Gott zum Kuscheln. Hauptsache wir haben gute Gefühle. Aber wollen wir wirklich so eine bequeme „Fast Food Theologie“, die uns krank macht? Oder soll nicht doch der Gott der Bibel unser Gott sein? Wollen wir nicht doch richtig bei Ihm in die Schule gehen und gesunde und heilsame Theologie studieren? Ja, wir wollen mit Mose auf den Berg gehen, zu dem Herrn, der uns Sein ewiges Wort gegeben hat. Zu dieser Quelle wollen wir immer wieder zurück. Darum nennt sich die ARCHE „Evangelisch reformierte Freikirche“. Denn wir wollen unaufhörlich uns immer wieder kritisch hinterfragen, ob unsere Lehre denn auch tatsächlich dem Grund der Apostel und Propheten entspricht, da Jesus Christus der Eckstein ist (vgl. Epheser 2,20).
Welches nun die entscheidenden Merkmale dieser „reformierten Theologie“ sind, wollen wir uns nun in dem folgenden ersten Teil der vorgenannten Reihe näher anschauen.

Nicht Menschen- sondern Gott-zentriert

Erstes und vorrangiges Merkmal reformierter Lehre ist ihre Gott zentrierte und nicht Menschen zentrierte Ausrichtung. Nicht der Mensch, sondern Gott ist die Achse, um die sich alles dreht. Meistens wird zuerst gefragt, was bringt Gott dem Menschen, zum Beispiel im Evangelium? Wozu ist es dem Geschöpf dienlich? Aber die Bibel macht uns klar, dass der allererste Grund des Heilsplanes nicht der Mensch, sondern die Ehre Gottes ist. Darum betet der Psalmist: „Hilf du uns, Gott, unser Helfer, um deines Namens Ehre willen; errette uns und vergib uns unsre Sünden um deines Namens willen!“ (Psalm 79,9). Er betet nicht: „Hilf uns, weil es uns so schlecht geht, weil wir sonst verloren gehen“, sondern: „Hilf uns und errette uns um der Ehre deines Namens willen!“ Diesen Ansatz bestätigt der Herr selber und spricht: „Ich tue es nicht um euretwillen, (…), sondern um meines heiligen Namens willen (Hesekiel 36,22). Auch die berühmten Worte „(…) Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen“ (Psalm 23,3) betonen eindrucksvoll diese biblische Grundwahrheit. Gottes Ziel ist zuallererst Seine Herrlichkeit. Alles, was Er tut, geschieht vor allem zum Lobe Seines Namens. Darum prägten die Reformatoren die berühmten Worte: „Soli Deo Gloria“ – Gott allein die Ehre! Deshalb schrieben Komponisten wie Bach und Händel anstelle ihres eigenen Namens die Abkürzung S.D.G. unter ihre Werke.
Heute jedoch steht in der christlichen Verkündigung ähnlich wie im Humanismus der Mensch im Zentrum. Alles dreht sich um ihn, um seine Bedürfnisse und Erwartungen, um seine Würde, Rechte und Ansprüche. Und dann hören sich Predigten manchmal so an: „Erlaube Gott, in dein Leben zu treten!“ Wie bitte?!? Der Mensch soll Gott Erlaubnis erteilen? Und kaum einer merkt, wie mit derartigen Redensarten die ganze Bibel auf den Kopf gestellt wird. Ein anderer Spruch lautet: „Wenn Du nicht willst, kann Gott nichts tun!“ Wie? Zerbricht Gottes Herrschaft am Widerspruch des autonomen und selbst bestimmten Menschen? Wer so irrig predigt, vertauscht die Rollen. Der gibt dem Menschen die Macht und Gott die Ohnmacht. Tragisch ist, dass selbst viele Gotteskinder eine solche Verdrehung der biblischen Wahrheit nicht bemerken.

Aber was ist mit der Würde des Menschen?

Aber vergisst man nicht den Menschen, wenn man zu sehr die Ehre Gottes im Auge hat? Deshalb wird der „reformierten Theologie“ oft unterstellt, dass sie eine zu niedrige Sicht vom Menschen hat. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn eine Theologie, die Gott und Seinen Sohn Jesus Christus wirklich im Zentrum hat, die setzt den Wert des Menschen nicht herab, sondern vielmehr herauf. Und das bewerkstelligt reformierte Theologie auf zweierlei Weise:
Erstens nimmt sie den Menschen ernst, so wie er wirklich ist. Sie geht nicht den Irrweg gewisser theologischer Schulen, die den Selbstwert des Menschen betonen, ihn dabei aber in seinem wahren sündigen Zustand allein lassen. Sie würdigen den Menschen, indem sie sagen: „Gott liebt dich, weil du so wertvoll bist“, aber zeigen ihnen nicht die Todeswunde ihrer Sünde. Was nützt einem Patienten die Wertschätzung des Arztes, wenn der dessen Krebs übergeht und ihn nicht behandelt? Genauso nichts sagend ist das einseitige Gerede von der Würde des Menschen, wenn unterdrückt wird, dass er sich im Zustand der Sünde befindet. Aber weil Gott uns wirklich würdigt, darum spielt Er unsere Sünde nicht herunter, sondern redet offen mit uns darüber und zeigt uns in Jesus Christus die Erlösung von der Sklaverei der Sünde daraus. Reformierte Theologie glaubt also, der Würde des Menschen erst dann gerecht zu werden, wenn man zu ihm fair ist und ihm die Wahrheit sagt – auch wenn sie keine gute sein sollte.
Zweitens stammt aus Sicht reformierter Theologie die Würde des Menschen auch nicht aus ihm selbst, sondern sie wird ihm von außen verliehen. Sie ist nicht angeboren, sondern wird aus unverdienter Gnade geschenkt. Wir haben sie nicht in uns, sondern wir empfangen sie. In uns selbst sind wir nur Staub. Aber es hat Gott gefallen, seinen Geschöpfen einen enormen Wert abzutreten, nämlich sein Ebenbild. Nicht wir selbst sind unser Wert, sondern wir beziehen ihn von unserem Schöpfer. Er ist die Quelle unseres Lebens mit allem, was dazugehört. Er hat uns ein Kleid von Wert, Würde und Gerechtigkeit angezogen, das Ihm alleine gehört.
Deshalb ist die Frage doch sehr wichtig, welches vorrangige Ziel Gott bei der Errettung von Menschen verfolgt. Errettet er sie, weil Ihm ihr Selbstwert so viel bedeutet? Dann läge tatsächlich im Menschen der primäre Grund für seine Erlösung. Aber was ist, wenn der Mensch in sich selbst nicht wert ist, gerettet zu werden, er es nicht verdient, der Herr es aber trotzdem tut? Dann bleibt nur eins: Gott errettet Menschen um Seiner Ehre willen. Sein Ruhm wäre dann das vorrangige Ziel Seines Heilplanes. Ganz gewiss darf man das eine vom anderen nicht rigoros trennen. Denn die Ehre des Allmächtigen, die Er durch Sein Erlösungswerk erhält, ist ja zugleich unser Heil und Segen hier und in Ewigkeit. Und trotzdem macht es für die Richtung von Lehre und Glauben sehr viel aus, ob wir den Schwerpunkt auf die Ehre Gottes oder auf die Würde des Menschen legen! Die Bibel belegt jedenfalls unseren Glauben, dass die Ehre Gottes vor allem anderen den Vorrang hat. Das gilt sogar auch für die Bestrafung der Bösen. Denn Gott offenbart im Heilsgeschehen beides: Seine unbeschreibliche Gnade und auch Sein gerechtes Gericht. Und beides geschieht zu Ruhme Seines herrlichen Namens!

Welche Bedürfnisse haben wir wirklich?
Gewiss sind manche Leser mit diesen Ausführungen nicht zufrieden bzw. einverstanden.  Denn ihre Theologie geht eher dahin zu sagen: „Wenn Gott meine Bedürfnisse erfüllt, dann bekommt Er doch dadurch Ehre!“ So versteht man heute das christliche Leben. Zuerst meine Bedürfnisse und dann Seine Ehre. Aber reformierte Theologie sieht die Dinge entgegengesetzt, weil die Bibel selbst sie anders sieht. Erst wenn wir die Ehre Gottes ganz voranstellen, dann werden unsere wahren Bedürfnisse gestillt.

Wenn wir zum Beispiel krank werden, suchen wir gewöhnlich unser Glück zuerst in der Heilung. Denn Wohlbefinden halten wir für absoluten Segen. Aber wie wäre es, wenn wir zuerst die Krankheit aus Gottes Hand nehmen und Ihm sagen: „Herr, ich möchte lernen, mich in diesem Leiden so zu verhalten, dass es Dich wirklich ehrt. Ich möchte Dankbarkeit und Geduld lernen und nicht murren. Ich möchte meine Freude und Zufriedenheit in Dir selbst und nicht in meiner Gesundheit finden. Ich möchte Dir zur Ehre sein, ob im Leben oder im Sterben. Wenn Jesus selbst ganz oben auf unserer Wunschliste steht, dann empfangen wir nämlich eine Erfüllung, die nie vergeht. Wenn wir aber unsere irdischen Bedürfnisse voranstellen, dann machen wir unser Glück von vergänglichen Dingen abhängig. Wenn wir jedoch zuerst die Ehre Christi suchen, indem Er selbst unsere Freude ist, dann wird unser Glück bestehen bleiben, auch wenn unsere Umstände wechseln. Leider ist dieses Geheimnis der Bibel nur wenigen bekannt. Darum stehen in der Verkündigung meistens Unversehrtheit, Wohlstand, Erfolg und Anerkennung im Vordergrund. Kein Wunder, dass diese Theologie, dieses „Wohlstandsevangelium“, kranken Glauben hervorbringt, der in den wahren Stürmen des Lebens nicht standhält, sondern in Bitterkeit und Enttäuschung endet. Deshalb schreibt der Westminster Katechismus in sein Glaubensbekenntnis: „Des Menschen Hauptziel ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an Ihm zu erfreuen“. Das heißt, nur wenn der Mensch Gott ins Zentrum stellt und nicht sich selbst, findet er sein wahres Glück und seine wahre Freude in Gott.
Diese unveräußerliche und herrliche theologische Grundwahrheit liebten die reformierten Glaubensväter und wir lieben sie auch. Soli Deo Gloria.

Teil II
"Das Wort sie sollen lassen stahn"

Nachdem Kirche und Staat Martin Luther der Ketzerei bezichtigt hatten, wurde er 1521 vor dem Reichstag zu Worms aufgefordert, seine Lehren und Schriften zu widerrufen. Seine Verteidigungsrede endete mit den nahezu unsterblichen Worten: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde;(...) so ist mein Gewissen gefangen in Gottes Wort. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Hätte Gott nicht Seine Hand über Luther gehalten, hätten diese klaren Worte seinen sicheren Tod bedeutet. Denn er wollte seinen Glauben nicht mehr auf eine fehlbare Kirche gründen, sondern allein auf die Heilige Schrift.

Darum wurde das berühmte „sola scriptura“, „allein die Schrift“, zum Schlachtruf der Reformation. Diese Losung sollte bedeuten, dass ausschließlich die Bibel die volle Autorität besitzt, die Gewissen der Gläubigen zu binden, und dass dazu keine Ergänzung durch kirchliche Traditionen nötig ist. Deshalb fügte Luther seinem Statement in Worms noch die Worte hinzu: „Ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben.“ Dieser Fehlbarkeit von Menschen stellte er die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift gegenüber, weil sie nach seiner festen Überzeugung ganz und gar Gottes inspiriertes Wort ist. Glaubensbekenntnisse und Kirchenbeschlüsse mögen das gute Werk einsichtiger und erleuchteter Diener Christi sein, aber sie sind nicht Gottes Wort.

Die Irrtumslosigkeit der Bibel
Diese hohe Meinung von der Inspiration der Heiligen Schrift teilten alle Reformer1. Sie bekannten: „Die Bibel ist Gottes Wort.“ Diese Behauptung stellten sie aber nicht aus sich selber auf, sondern fanden sie in der Bibel selbst. Denn dort heißt es: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“ (2.Timotheus 3,16). Wenn Paulus auf diese Weise die Inspiration der Schrift erklärt, dann benutzt er ein sehr interessantes griechisches Wort, nämlich „theopneustos“, was auf Deutsch heißt „von Gott (aus)geatmet“. Damit will der Apostel betonen, dass alle Schrift Gottes eigene Worte sind – von Ihm selbst in die Bibel hineingeatmet. Deshalb war für die Reformer klar: Die Heilige Schrift ist das „verbum dei“, das Wort Gottes.

Dabei meinten sie natürlich nicht, dass Gott die Seiten der Bibel selbst geschrieben und sie als fertiges Buch vom Himmel herabfallen ließ. Sie meinten auch nicht, dass die Schreiber von Gottes Wort als willenlose Roboter mechanisch eins zu eins aufschrieben, was ihnen diktiert wurde. Eine solche Vorstellung von göttlicher Inspiration hat die Bibel selbst nicht. Der wesentliche Punkt ist, dass die Bibelschreiber eigenständige Autoren waren, auch ihre individuelle Art, sich auszudrücken, voll erhalten blieb, sie aber trotzdem so unter der zuverlässigen Aufsicht des Heiligen Geistes standen, dass sich kein menschlicher Irrtum einschleichen konnte. Die Bibel berichtet also nicht nur von Wundern, sondern sie ist selbst ein Wunder. Gott fertigte die Heilige Schrift nicht mithilfe menschlicher Schreibautomaten an, sondern Er nahm unvollkommene Personen und brachte trotz deren Schwachheit ein vollkommenes Werk hervor.

Deshalb waren die Verfechter der Reformation der festen Überzeugung, dass die Bibel unfehlbar ist. Denn sie hat ihren Ursprung in Gott, und ihre Entstehung wurde durch den Heiligen Geist genau beaufsichtigt. Denn wenn Gott unfehlbar ist, wie können dann Seine Worte fehlbar sein?

Gottes Wort, das irrt?
Leider weichen heute viele Lehrer von dieser reformatorischen Klarheit ab und sprechen von Fehlern in der Bibel, nennen sie aber trotzdem „Gottes Wort“ und sogar auch „inspiriert“. Ich verstehe, was sie sagen wollen. Sie sind der Meinung, dass die reine Inspiration des Heiligen Geistes durch die Fehlerhaftigkeit der Schreiber gelitten habe. Aber wenn das so sein sollte, dann dürfte man die Bibel doch nicht mehr einfach als „Gottes Wort“ bezeichnen. Denn was soll das heißen? Gottes Wort, das irrt? Wie kann man bei einer solchen Sichtweise die Bibel sogar noch „Heilige Schrift“ nennen? Wenn Menschen sie verunreinigt haben, dann ist sie nicht mehr heilig. Denn ein wenig Sauerteig menschlicher Fehlbarkeit verdirbt den ganzen Teig.

Um aus dieser Klemme herauszukommen, schlägt man vor, einiges in der Bibel als reines Wort Gottes anzusehen und anderes nicht. Da ist zum Beispiel der Vorschlag gemacht worden, an Christus zu glauben, aber nicht uneingeschränkt der Bibel. Oder es wird gelehrt, dass der Zweck der Bibel der sei, uns lediglich in den Bereichen zu unterweisen, die „Glauben und Leben“ betreffen, also nur die Fragen der Frömmigkeit. In anderen Bereichen, wie historischen Details oder naturwissenschaftlichen Fakten, könne man der Bibel nicht vertrauen. Solche Thesen sind sehr listig. Denn ihre Verfechter sprechen immer noch davon, dass die Bibel unfehlbar sei, aber nicht, dass sie irrtumslos sei. Ihrer Meinung nach könne sie unfehlbar im Bereich dessen sein, wie wir glauben und leben sollen. Aber im Bereich anderer Fragen beinhalte sie Irrtümer.

Die Bibel so auseinanderzureißen zu wollen, dazu gehört schon eine tüchtige Portion Unverfrorenheit. Denn wenn sie unfehlbar darin ist, uns zu lehren, was wir glauben sollen, dann lehrt sie uns doch gerade, zu glauben, dass die ganze Heilige Schrift ohne Irrtum ist. Hören wir doch ihre eigene Sprache: „Die Worte des HERRN sind lauter wie Silber, im Tiegel geschmolzen, geläutert siebenmal“ (Psalm 12,7). Oder: „Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen“ (Sprüche 30,5). Diese Verse zeigen die absolute Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift und lehren die Wahrhaftigkeit jedes Wortes, das Gott gesprochen hat. Deshalb heißt es auch: „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue“ (4.Mose 23,19). Auch andere Stellen sagen klipp und klar, dass Gott nicht lügt oder falsch redet (siehe 2.Samuel 7,28; Titus 1,2; Hebräer 6,18). Deshalb behauptet die Bibel von sich selbst, dass alle ihre Worte vollkommen wahr und ohne Irrtum in all ihren Teilen sind (siehe Psalm 119,89+96; Matthäus 24,35). Damit ist klar: Gottes Worte sind der letztgültige Wahrheitsmaßstab über alles, wovon sie spricht. Darum betet Jesus: „Dein Wort ist die Wahrheit“ (Johannes 17,17).

Die Bibel wiederholt immer und immer wieder, dass ihre ganze Schrift für uns nützlich ist (vgl. 2.Timotheus 3,16) und dass alles in ihr „gottgehaucht“ ist. Also ist sie völlig rein, vollkommen und wahr. Deshalb konnte Paulus sagen: „Das bekenne ich dir aber, (…) dass ich allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten“ (Apostelgeschichte 24,14). Und Jesus tadelt die Emmaus-Jünger: „(…) wie ist doch euer Herz träge, zu glauben an alles, was die Propheten geredet haben!“ (Lukas 24,25). Auch im Römerbrief stehen wunderbare Worte: „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, wurde zu unserer Belehrung zuvor geschrieben, damit wir durch (…) den Trost der Schriften Hoffnung fassen“ (Römer 15,4). Jesus und die Apostel haben sich immer wieder auf alle Schriften berufen und sind nie auf die Idee gekommen, sie in glaubwürdige und unglaubwürdige Texte zu unterteilen. Das haben auch die Reformatoren nicht getan und das sollten auch wir heute nicht tun. Denn nirgendwo in der Bibel befindet sich irgendein Hinweis, dass wir ihren Worten lieber nicht vertrauen sollten. Nirgendwo deutet sie an, dass ihre Worte zwar von Gott kommen, aber dass ihre Gültigkeit eingeschränkt sei, weil Menschen sie niedergeschrieben haben. Im Gegenteil: Die Schreiber des Neuen Testaments berufen sich auf Texte des Alten Testaments und halten sie alle zweifelsfrei für wahr – auch Details, die menschlich gesehen schwer zu verstehen sind. Aber für Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, für Paulus, Petrus und Jakobus war es selbstverständlich, dass die Texte des Alten Testaments allesamt wahr waren – ja sogar bis ins Detail. Deshalb nahmen sie zum Beispiel Bezug auf Jonas Fisch als echt geschehene Begebenheit (vgl. Matthäus 12,40) oder darauf, dass Lots Frau zur Salzsäule wurde (vgl. Lukas 17,32), dass Naeman der Syrer vom Aussatz geheilt wurde (vgl. Lukas 4,24), dass David die Schaubrote im Tempel aß (vgl. Matthäus 12,3-4), dass Abraham fast hundert Jahre alt war (vgl. Römer 4,19), dass Abraham Melchisedek den Zehnten entrichtete (vgl. Hebräer 7,1-2), dass die berichteten Details im Leben von Abel, Henoch, Noah, Abraham, Rahab und der vielen anderen „Glaubenshelden“ real wahr gewesen sind (vgl. Hebräer 11,3-31), dass Bileams Esel wirklich gesprochen hat (vgl. 2.Petrus 2,6-7). Diese Liste, die noch lange fortgesetzt werden könnte, zeigt an, dass die Schreiber des Neuen Testamentes sich auf die Wahrhaftigkeit jedes Details der historischen Berichte des Alten Testaments verlassen haben. Jede berichtete Einzelheit hielten sie für wahr, und es gibt keinerlei Anlass dafür, dass sie in irgendeiner Form angenommen haben, dass das Alte Testament Irrtümer enthielt. Nein, es bleibt vielmehr wahr, was Petrus schrieb, dass keine dieser Weissagungen je „durch menschlichen Willen hervorgebracht“ wurde, „sondern vom heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet“ (1.Petrus 1,21).

Und genau das gilt auch für das Neue Testament. Darum schreibt Paulus explizit: „Wir reden nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt“ (1.Korinther 2,13). Er besteht auch darauf, dass sein Wort nicht „als Menschenwort aufgenommen wird, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort“ (1.Thessalonicher 2,13). Bedenken wir auch sehr, dass Jesus zu Seinen Jüngern sagte, dass der kommende Heilige Geist sie „in alle Wahrheit leiten“ und „sie an alles erinnern“ wird, was Er gesagt hat (Johannes 14,26; 16,13). Das ist ein starker Hinweis auf die Entstehung des Neuen Testaments. Denn Jesus macht klar, dass die Jünger durch das beaufsichtigende Werk des Heiligen Geistes fähig sein würden, ohne Irrtum das aufzuzeichnen, was der Wahrheit Christi entspricht. Achten wir auch einmal genau auf das, was Petrus schreibt. Er fordert die Leser seines Briefes auf, der Worte zu gedenken, „die von den heiligen Propheten vorausgesagt worden sind, und dessen, was euch der Herr und Retter durch uns, die Apostel, aufgetragen hat“ (2.Petrus 3,1). Hier stellt Petrus die Weisungen der Apostel mit den Schriften der alttestamentlichen Propheten auf eine Stufe und macht damit unmissverständlich klar, dass beides – sowohl das Neue wie auch das Alte Testament – unfehlbares und irrtumsloses Wort Gottes ist. Und deshalb gilt für die ganze Bibel: „Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen“ (2.Petrus 1,19).

Ein massiver Angriff auf den Glauben
Wenn wir die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift leugnen und davon ausgehen, dass sie nicht in allen Dingen wirklich wahr ist, dann haben wir ein massives Problem. Dürften wir dann Gott nachahmen und es ebenfalls in kleinen Details mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und vielleicht sogar lügen? Epheser 5,1 gebietet uns, Nachahmer Gottes zu sein. Doch die Leugnung der Irrtumslosigkeit, die zugleich aufrechterhalten will, dass die Bibel von Gott inspiriert ist, lässt glauben, dass Gott zwar wohl Sein Wort insgesamt gehaucht hat, dabei aber bewusst Falschaussagen in Kauf genommen hat. Wenn Gott das wirklich tun würde, dann wäre es auch richtig zu sagen: Wir brauchen nur im Wesentlichen die Wahrheit zu sagen, so zwischendurch dürfen wir ruhig lügen. Ist so unser Gott? Nein! Sein ganzes Wort ist und bleibt die Wahrheit.

Wie sollten wir denn auch rückhaltlos Gott vertrauen können, wenn wir nicht einmal wissen, ob denn die Bibel durchweg auch die Wahrheit ist? Die Behauptung, sie enthalte Fehler, ist ein massiver Angriff auf unseren Glauben überhaupt. Kein Wunder, dass er weithin abnimmt und verbindlicher Gehorsam der Schrift gegenüber immer seltener wird. Wenn das so weitergeht, wird sich der „christliche Glaube“ in Luft auflösen – verursacht durch die abzulehnende Lehre, die Bibel enthalte nur Gottes Wort, sei aber nicht Gottes Wort.

Wer die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift leugnet, begeht auch noch eine weitere schwere Sünde: Er macht den menschlichen Verstand zu einem höheren Wahrheitsmaßstab als Gottes Wort selbst. Er missbraucht seinen Verstand, um ein Urteil über einige Abschnitte der Bibel zu fällen und sie als Irrtum zu deklarieren. Was er damit eigentlich sagt, ist dieses: Ich kenne die Wahrheit in einigen Bereichen gewisser und genauer, als Gott es tut. Eine solche Vorgehensweise ist die Wurzel aller intellektuellen Sünde.

Wenn jemand hinzufügt oder wegnimmt…
Reformatorischer Glaube erkennt fünf besondere Wesensmerkmale2 der Bibel. Erstens ihre Autorität, die wir wie folgt definieren können: Die Autorität der Bibel bedeutet, dass Unglaube oder Ungehorsam gegenüber einem Wort der Heiligen Schrift gleichbedeutend ist mit Unglauben oder mit Ungehorsam Gott gegenüber.

Das zweite Wesensmerkmal der Heiligen Schrift ist ihre Irrtumslosigkeit, die wir so beschreiben können: Die Irrtumslosigkeit der Bibel bedeutet, dass sie in ihren ursprünglichen Handschriften nichts behauptet, was irgendwelchen Tatsachen widersprechen würde.

Das dritte Charakteristikum der Heiligen Schrift ist ihre Klarheit, die Folgendes bedeutet: Die Klarheit der Schrift bedeutet, dass die Bibel in einer solchen Weise geschrieben ist, dass ihre Lehren von allen verstanden werden können, die sie lesen wollen, indem sie Gottes Hilfe suchen und bereit sind, dem Wort Gottes Folge zu leisten.

Und die vierte Eigenschaft der Bibel besteht in ihrer Notwendigkeit. Was damit gesagt werden soll, ist dieses: Die Notwendigkeit der Heiligen Schrift bedeutet, dass sie notwendig ist, um das Evangelium zu kennen, um geistliches Leben aufrechtzuerhalten und Gottes Willen zu erkennen.

Und die fünfte Besonderheit der Bibel liegt in ihrer Genugsamkeit. Damit ist Folgendes gemeint: Die Genugsamkeit der Heiligen Schrift bedeutet, dass die Bibel alles enthält und nichts darüber hinaus notwendig ist, was wir zum Heil und ewigen Leben benötigen.

Darum glauben wir gemeinsam mit den reformierten Vätern der Christenheit daran, dass die Bibel für alle Menschen verbindliche Autorität besitzt, keine Irrtümer beinhaltet, sie klar genug ist, um jeden unterweisen zu können, sie unverzichtbar und notwendig ist, um Gott zu kennen, und dass sie völlig ausreicht zum Heil und ewigen Leben.

Darum sind die Worte der Offenbarung für uns als ARCHE-Gemeinde voll verbindlich, die da lauten: „Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht“ (Offenbarung 22,18). Darum halten wir es mit Luther, der in seinem berühmten Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“ gesungen hat „das Wort sie sollen lassen stahn!“. Darum bleibt auch unser leidenschaftliches Bekenntnis: Sola scriptura – allein die Schrift.



1 Als „Reformer“ bezeichnen wir nicht nur die klassischen Reformatoren wie Luther oder Calvin, sondern auch die freikirchlich reformierten Väter der Christenheit.

2 Vgl. hierzu Wayne Grudem, Systematic Theology, (1994) Kapitel 4-8

Teil III
Womit die Kirche steht oder fällt

„So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird,
ohne Werke des Gesetzes“ (Römer 3,28).

Ein christlicher Bruder hatte auf seinem Sterbebett schwere Anfechtungen bezüglich seines Seelenheils und ließ deshalb nach seinem Pastor rufen. Der tröstete den Sterbenden und beteuerte, dass er keine Ursache habe, sich zu fürchten, denn er habe doch nach dem Willen Gottes gelebt. In einem anderen Fall beruhigte ein Pfarrer sein sterbendes Gemeindemitglied, er solle doch den Tod in Geduld erleiden, so werde er das ewige Leben erlangen. Mir persönlich wurde schon gesagt: „Wenn du nach einem so treuen Dienst für Gott nicht in den Himmel kommst, wer denn dann?“ Die Witwe eines sehr bekannten freikirchlichen Pastors schaute mich von ihrem Krankenbett aus mit ängstlichen Augen an und fragte: „Wird Gott mit mir zufrieden sein, wenn ich zu Ihm gehe?“ Ein Seelsorger berichtete von seinen Besuchen in christlichen Altenheimen. „Es ist erschütternd“, sagte er, „mit welchen Ängsten sich langjährige Gotteskinder am Ende ihres Lebens quälen!“ Es geht immer wieder um dieselbe Frage: „Wie wird es mir ergehen, wenn ich vor Gottes Angesicht erscheine?“ Und wenn da nicht das Evangelium triumphiert, nämlich die Wahrheit von der Rechtfertigung alleine aus dem Glauben, dann sind wir trotz jahrzehntelangen Gottesdienstbesuches ganz elende Menschen.

Woher die Ängste kommen
Woher kommt es, dass wir uns als evangelische und freikirchliche Christen nicht durchweg fröhlich und konsequent auf die Gerechtigkeit Christi verlassen, die uns durch den Glauben zugerechnet ist, und stattdessen doch immer wieder irgendeine Hoffnung in uns selbst suchen – und verzweifeln? Nach meiner Beobachtung liegt das daran, dass die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit in Kirchen und Gemeinden zwar irgendwo noch existiert, aber schon lange nicht mehr im Mittelpunkt der Verkündigung steht. Wo diese kostbare Lehre von der zugerechneten Gerechtigkeit Christi aber nicht mehr der Inbegriff der gesamten christlichen Botschaft ist, wird sie verdrängt, und das hinterlassene Vakuum wird schleichend wieder vom Gift der Werkegerechtigkeit gefüllt. Denn wer sich nicht ganz und gar auf Christus verlässt, der muss sich auf sich selbst verlassen. Und dann betrachten wir nur noch unsere christliche Aktivität, loben unsere missionarischen und sozialen Unternehmungen und definieren unser Christsein über das, was wir tun, und nicht über das, was Christus getan hat. Ob wir genug in der Bibel lesen und beten, ob wir ausreichend gute Ehepartner und Eltern sind und uns genug für unsere Mitmenschen einsetzen – das sind dann die Fragen, die uns umtreiben. Und wenn wir nach einem aufopferungsreichen Leben dem Ende entgegensehen, dann kommen der Zweifel und die Angst hervor, ob Gott denn wohl zufrieden mit uns ist.
Warum ist das so? Weil uns die Rechtfertigungslehre nicht eingeschärft wurde und wir sie uns auch nicht selbst wirklich eingeprägt haben. Wir haben sie hier und dort einmal berührt und gehört, aber uns nicht ein Leben lang damit beschäftigt, obwohl diese befreiende Lehre nie ausgelernt werden kann. Wenn die fundamentale Wahrheit von der zugerechneten Gerechtigkeit verloren ist, ist die ganze christliche Lehre verloren. Denn in dem Lehrstück von der Rechtfertigung sind alle anderen Wahrheiten des Evangeliums enthalten. Deshalb müssen wir sie mit allem Fleiß Tag für Tag lernen und aufs Reinste das Evangelium vom Gesetz unterscheiden. Denn wenn die Rechtfertigungslehre bei aller Christlichkeit unter den Tisch fällt, bleibt uns nichts weiter übrig als Irrtum, Heuchelei und Götzendienst.

Was Rechtfertigung und was Heiligung ist
Nun wollen wir natürlich nicht behaupten, dass die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben alleinige Besonderheit reformierter Theologie wäre. Wiewohl sie auch das Gut anderer Denominationen ist, kann man aber sagen, dass es ohne die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit keine reformierte Theologie gäbe. Denn Martin Luther sagte von dieser Wahrheit, dass sie die Sonne ist, die die Kirche erleuchtet. Und weiter: „Wenn diese Lehre steht, so steht die Kirche, wenn sie aber fällt, so fällt die Kirche auch!“1 Wenn Martin Luther durchaus nicht unfehlbar war, aber hier traf er den Nagel auf den Kopf.
Die Lehre von der Rechtfertigung behandelt das schwerwiegendste Problem, mit dem es die Menschheit zu tun hat. Es geht um die Frage: „Wie kann ein sündhafter Mensch vor dem Gericht eines heiligen und gerechten Gottes bestehen?“ David formulierte diese größte Not menschlicher Existenz mit diesen Worten: „Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst - Herr, wer wird bestehen?“ (Psalm 130,3). Niemand kann durch sich selbst vor Gott bestehen, auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt. Was er braucht, ist eine Gerechtigkeit, die der vollkommenen Gerechtigkeit des Allerhöchsten entspricht. Aber die besitzt keiner als nur Er selbst. Woher können wir sie also nur bekommen? Nur von Ihm. Und wie empfangen wir sie? Sie sich zu erarbeiten, ist unmöglich. Aber wie denn dann? Indem Gott sie uns in Jesus Christus schenkt beziehungsweise uns die Gerechtigkeit Christi unverdient zurechnet. Wenn jemand also von Gott gerechtfertigt wird, bedeutet das, dass er vor Gottes Gericht als gerecht angesehen wird. Das heißt, wiewohl wir bezogen auf uns selbst Sünder bleiben, hält Gott uns bezogen auf Christus zur gleichen Zeit für absolut gerecht.
Wir lernen also: Rechtfertigung ist ein augenblicklicher, juristischer Akt Gottes. Sie bedeutet einen festen, unverlierbaren Status vor Gott. In dem Augenblick, als Du wiedergeboren wurdest, hat Gott Dich gerechtfertigt und Dir einen klaren Rechtsstand gegeben: Du bist ein Kind Gottes. Auf der Grundlage des vollbrachten Werkes Christi in Seinem Leben und am Kreuz hat Er Dir alle Deine Sünden vergeben und Dich für gerecht und unverdammlich erklärt. Während die Rechtfertigung also augenblicklich geschieht, ist die Heiligung ein andauernder Prozess, in dem wir ein Leben lang mit der in uns wohnenden Sünde zu kämpfen haben und durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes lernen, sie nach und nach zu überwinden und so dem Wesen Christi immer ähnlicher zu werden. Manchmal wird so gedacht, als sei es die Heiligung, die uns vor Gott gerecht werden lässt – also Heiligung als Voraussetzung für die Rechtfertigung. Aber das ist falsch und führt zu großer Verwirrung. Denn die Bibel lehrt es genau umgekehrt: erst die Rechtfertigung und dann die Heiligung. Zuallererst spricht Gott uns aus freier Gnade um Christi willen gerecht und auf dieser Basis beginnt die Heiligung. Denn nichts motiviert uns so sehr im Kampf gegen die Sünde, nichts schafft ein so großes Verlangen, die Gebote Gottes zu halten, wie das lebendige Wissen, von Ihm gerecht gesprochen zu sein. Wer das nicht ganz klar erfasst, der will sich das noch verdienen, was ihm als Geschenk schon zugeeignet ist. Er neigt zu dem Denken, dass die Lehre von der geschenkten Gerechtigkeit Gottes zu einem gleichgültigen und gesetzlosen Leben führe. Man befürchtet, wenn dem Sünder gesagt wird, dass Gott ihn mit einem einzigen Gnadenakt in die Position vollkommener Gerechtigkeit versetzt hat, er verstehen könnte: „Okay, dann kann ich ja ruhig weiter sündigen.“ Aber solche Überlegungen haben mit dem Evangelium überhaupt nichts zu tun. Meide dringend Prediger, die die Gnade zu beschneiden versuchen, weil sie besorgt sind, dass sie zu großzügig sei und Christen ein Alibi für Oberflächlichkeit liefere. Man warf sogar Paulus vor, mit seinem Verständnis von der Gnade zu weit zu gehen und zu lehren, man solle ruhig „Böses tun, damit Gutes daraus komme“ (Römer 3,8). Welch ein Unfug! Die Botschaft von der frei zugerechneten Gerechtigkeit macht einen wiedergeborenen Menschen niemals lasch, sondern vielmehr fleißig und ehrfürchtig, den heiligen Willen Gottes zu tun. Nicht der Gesetzesdruck, unsere Willenskraft oder Selbstanstrengung, sondern die Wahrheit von der Rechtfertigung ist der wirkliche Katalysator für ein geheiligtes Leben. Es ist ein schwerer Irrtum, dass die Lehre von der voraussetzungslosen Gnade nachlässig mache. Im Gegenteil: Weil sie uns tief berührt, überwältigt und uns mit dankbarer Liebe zu Christus erfüllt, darum macht sie uns auch brennend in der Heiligung. Da, wo das Lehrstück der Rechtfertigung tief im Herzen eingraviert ist, täglich neu verinnerlicht, bedacht und geglaubt wird, da entsteht nicht nur überschwängliche Heilsfreude, sondern zugleich auch ein heiliger Ernst, dem Herrn gehorsam zu sein.
Zusammenfassend stellen wir gegenüber: Durch die Rechtfertigung werden wir zu Gerechten erklärt. Durch die Heiligung lernen wir, uns diesem zugerechneten Status auch in der Praxis mehr und mehr zu nähern. Die Rechtfertigung ist augenblicklich, die Heiligung jedoch fortschreitend. Die Rechtfertigung ist also im Moment der göttlichen Gerechtsprechung komplett. Die Heiligung jedoch ist ein lebenslanger  Prozess. Bezüglich der Rechtfertigung gibt es unter den Kindern Gottes mithin keinerlei Unterschiede. Sie sind alle gleichermaßen gerechtfertigt. Aber in der Heiligung gibt es Unterschiede, nämlich im Grad ihres Fortschritts. Du wirst folglich niemals mehr gerechtfertigt sein als in diesem Moment, aber hoffentlich mehr geheiligt.
Wenn wir die Früchte der Rechtfertigungswahrheit zum Wohlbefinden unserer Seele wirklich genießen möchten, dann dürfen wir nicht in die Falle geraten und denken, dass wir vor Gott nur dann  gerecht bleiben, wenn wir auch entsprechende Beiträge leisten. Nein, so wie ein Kind ohne eigenen Beitrag den juristischen Status des Kindes seiner Eltern hat, so hast auch Du ohne eigenes Hinzutun den juristischen Status eines Kindes Gottes. Und an diesem Status ändert sich auch dann nichts, wenn das Kind ungezogen sein sollte. Um sich zu bessern, muss es sich nicht anstrengen, Kind seiner Eltern zu bleiben, sondern es muss erzogen werden. Und das vollbringt Gott mit uns durch unsere Heiligung. Wie köstlich ist das!

Durch den Glauben allein
Nun stellt sich natürlich die wichtige Frage, auf welchem Wege denn die zugerechnete Gerechtigkeit zu uns kommt beziehungsweise wie sie von uns erlebt wird? Wir haben gelernt, dass es Gott ist, der uns um Christi willen für gerecht erklärt. Er ist es, „der den Gottlosen rechtfertigt“ (Römer 4,5). Aber wie kommt dieses Geschenk zu uns? Durch den Glauben. Die Bibel sagt: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28). Manche verstehen darunter, dass der Glaube Ersatz für gute Werke sei, also nur eine andere Art Vorbedingung. Dann wäre Glaube jedoch auch nichts anderes als ein Werk, durch das wir uns die Rechtfertigung verdienen müssten. Daher kommt die weit verbreitete Idee, wir müssten von uns aus eine gewisse Masse an Glauben mitbringen, bevor Gott uns gnädig ist. Aber wenn wir Gottes Wort recht verstehen, dann ist Glaube nicht eine menschliche Leistung, sondern das Mittel oder der Kanal, durch den Gott das Geschenk der Rechtfertigung in unser Herz fließen lässt. Stellen wir uns ein Wasserwerk vor, das aus freien Stücken Wasser verschenken will, aber zu den Betroffenen sagt, dass sie erst eine Leitung vom Wasserwerk zu ihrem Haus verlegen müssen, durch die das Geschenk kommen kann. Aber so ist es bei Gott nicht. Er schenkt nicht nur das „Wasser“ der Rechtfertigung, sondern Er legt auch kostenlos die „Leitung“ des Glaubens zu Deinem Herzen. Beides ist ausschließlich ein Werk Gottes, die Rechtfertigung und auch der Glaube, durch den sie zu Dir fließt. Darum heißt es an anderer Stelle: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Galater 3,11). Er lebt aus der Frischwasserleitung des Glaubens, die der Herr ihm ebenfalls aus unverdienter Gnade installiert hat. Die Rechtfertigung ist Gnade und der dazugehörige Glaube ist ebenfalls Gnade. Ja, alles ist Gnade. Deshalb sagt die Bibel: „Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch - Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme“ (Epheser 2,8-9). Die uns von Gott zugerechnete Gerechtigkeit fließt uns also allein aus dem Glauben zu, ohne irgendeine menschliche Mitwirkung. Darum hat Luther auch zu Recht gesagt: „Der Glaube ist nicht ein menschliches Ding oder Werk, sondern schlechthin eine Gabe Gottes, der den Glauben in uns sowohl schafft als auch erhält.“2 Das entspricht den Worten des Hebräerbriefes, dass nämlich Christus der „Anfänger und Vollender des Glaubens“ ist (Hebräer 12,2).
Was passiert nun ganz praktisch, wenn Gott in der Wiedergeburt diesen unverdienten Glauben in das Herz eines Menschen hineinlegt? Es ist, als ob der Allmächtige ihm durch den Heiligen Geist ein neues Auge installiert, ein inneres Auge, „Augen des Herzens“, wie Paulus einmal sagt. Deshalb nannte Spurgeon den Glauben auch einen sechsten Sinn. Der natürliche Mensch hat fünf Sinne: Hören, sehen, schmecken, riechen, tasten. Aber in der Wiedergeburt entsteht eine übernatürliche Wahrnehmungsfähigkeit, ein göttliches Sehvermögen. Er entdeckt Tatsachen, die der natürliche Mensch nicht wahrnehmen kann (vgl. 1.Korinther 2,14). Darum hat ein Ungläubiger auch so große Schwierigkeiten, die Zeugnisse von Christen zu verstehen. Sie haben kein Auge für das Evangelium, keinen Glauben. Aber wenn Gott in Seiner unabhängigen Gnade einem Sünder Glauben einpflanzt, dann entdeckt dieser etwas. Er erblickt die Heilstat Christi und er begreift durch das „Sehvermögen“ des Glaubens auch die ihm aus purer Gnade zugerechnete Gerechtigkeit. Durch den Glauben sieht er sie, ist überwältigt, betet Gott an und ist sich seines Heils gewiss. Darum schau auch Du durch Deinen geschenkten Glauben immer wieder auf zu dem Gekreuzigten und sieh Deine Erlösung. Erblicke, dass Du durch Gott ohne Dein Verdienst in Jesus Christus als gerecht erklärt worden bist für Zeit und Ewigkeit. Blicke immer wieder hin, lies immer wieder das Evangelium, bete es immer wieder durch und sinne Tag und Nacht nach über das Wunder Deiner  Rechtfertigung. Und Du wirst der glücklichste Christ, der Du auf Erden sein kannst.

Und wo bleiben die Werke?
Wie oben erwähnt, wird nun immer wieder gesagt, dass dieses sola fide - allein durch den Glauben – zur Laxheit in der Nachfolge führe, weshalb Kirchen und Freikirchen die Rechtfertigungslehre der Reformer bezweifeln. Sie verweisen auf Jakobus, der doch gesagt hat: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein“ (Jakobus 2,24). Will Jakobus mit diesen Worten wirklich sagen, dass zur Rechtfertigung unsere Werke notwendig sind? Nein, niemals. Er will hier lediglich mit Entschiedenheit daraufhin hinweisen, dass lebendiger Glaube dringend von totem Glauben zu unterscheiden ist. Er will klarmachen, dass niemand nur durch ein bloß äußeres Bekenntnis des Glaubens gerecht wird. Sagen kann jeder, dass er glaubt, aber ob er wirklich den echten, lebendigen Glauben hat, das ist noch eine andere Sache. Es gibt so viele Namenchristen in unserer Welt, die nur äußere Bekenner sind, und ihr Leben bleibt das alte. Jakobus schreibt dazu fünf Verse zuvor, dass sogar die Dämonen glauben und zittern (vgl. Jakobus 2,19). Sie haben aber nur rationale Einsicht und keinen von Gott geschenkten Glauben. Und hier bringt es Jakobus auf den Punkt: An den Werken kann man erkennen, um welche Art Glauben es sich jeweils handelt. Wenn der (vermeintlich echte) Glaube keine Werke hat, so ist dieser Glaube tot (vgl. Jakobus 2,17).  Jesus benannte das so: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,16). Das heißt, hat jemand lebendigen Glauben, dann folgen ihm notwendigerweise gute Werke nach. Aber sie sind nur die Folge der zuvor zugerechneten Gerechtigkeit und nicht die Ursache. Abrahams Rechtfertigung geschah bereits in 1. Mose 15, und zwar ohne Verdienst der Werke, allein durch den Glauben: „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“ (1.Mose 15,6). Als Folge davon hatte Abraham nun natürlich auch gute Werke – zum Beispiel die gehorsame Opferung seines Sohnes Isaak, die erst später, nämlich in 1. Mose 22, stattgefunden hat. Jakobus will uns damit zeigen, dass Abrahams unverdiente Rechtfertigung gute Werke zur Folge hatte. Und deshalb lehrten die Reformer: „Die Rechtfertigung geschieht aus Glauben allein, aber nicht aus einem Glauben, der allein bleibt!“ Damit wollten sie sagen, dass rettender und rechtfertigender Glaube nicht allein bleibt, sondern immer gute Werke zur Folge hat. Das heißt, eine gerechtfertigte Person ist immer eine sich verändernde Person. Wo keine guten Früchte sind, ist auch kein echter Glaube. Und wenn kein Glaube präsent ist, dann ist auch keine Rechtfertigung vorhanden. Ein Glaube, der uns lässt, wie wir sind, ist kein rechtfertigender Glaube. Darum ist das Gebet unseres Herzens: „Herr, belebe wieder Deine Wahrheit von unserer Rechtfertigung aus Gnade allein, durch Glauben allein, in Christus allein. Lass diese biblische Lehre doch wieder durch Deutschland und Europa rauschen – zu Deiner Ehre und zum Heil vieler Sünder.“
„Denn dieses Lehrstück von der Gerechtigkeit aus dem Glauben“, so schrieb Luther, „ist das Haupt und der Eckstein, welches allein die Kirche Gottes zeugt, ernährt, erbaut, erhält und verteidigt und ohne dasselbe kann die Kirche auch nicht eine Stunde bestehen.“ Wo er recht hat, da hat er recht.

 


1 Dr. Martin Luthers „Sämtliche Schriften“, herausgegeben von Dr. Joh. Georg Walch, Vierter Band, Auslegung Psalm 130,4, Seite 2047.

2 Dr. Martin Luthers „Sämtliche Schriften“, herausgegeben von Dr. Joh. Georg Walch, Neunter Band, Auslegungen über den Galaterbrief, Seite 95.

 

Teil IV
Der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen

"Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer"
(Jesaja 54,10).

Im Glaubensbekenntnis der ARCHE haben wir unter Artikel 7 geschrieben: „Der Abstand zwischen Gott und Mensch ist so unermesslich groß, dass der Allmächtige ihm gegenüber zu nichts verpflichtet ist." Und doch hat Gott sich herabgelassen, in ein Beziehungsverhältnis zu uns Menschen einzutreten. Und das tut Er im Rahmen von sogenannten Bündnissen. So schloss Gott zum Beispiel einen Bund mit Noah, mit Abraham, mit Mose oder auch mit David. Das heißt, Gott hat Sein Verhältnis zu uns auf eine ordentliche Grundlage gestellt, auf das Fundament eines geregelten Bundes, in dem die Bedingungen für unsere Beziehung mit Ihm festgelegt sind. Wenn man so will, kann man sagen, dass Gott mit uns nicht „wild" zusammenlebt, wie beispielsweise ein Mann mit einer Frau ohne festen ehelichen Bund.
Obwohl zu einem Abkommen zwischen Menschen in der Regel zwei gleichberechtigte Parteien gehören, muss uns jedoch klar sein, dass die Bedingungen des Bundes, den Gott mit uns eingeht, allein von Ihm festgelegt werden. Denn Er ist kein Mensch, dass wir mit Ihm Vertragsverhandlungen führen könnten. Deshalb haben wahrscheinlich die Übersetzer, die das Alte Testament in die griechische Sprache übersetzt haben und auch die neutestamentlichen Schreiber nicht das Wort „syntheke" benutzt, das die Gleichrangigkeit zweier Bündnisparteien hervorhebt, sondern „diatheke", das die einseitige, göttliche Festsetzung der Bundesbedingungen betont. Deshalb kann das Wort „diatheke" auch gern mit „Testament" wiedergegeben werden. Denn bei einem Testament gibt der Erblasser einseitig vor, wie sein letzter Wille ausgeführt werden soll. Die Erben können nicht verhandeln, sondern die Festlegungen im Testament nur annehmen oder ablehnen. Hier liegt der Grund, weshalb einige deutsche Bibelübersetzungen statt vom „Bund" lieber vom „Testament" sprechen (siehe z.B. Matthäus 26,28). Wenn die Bündnisse Gottes auch unterschiedliche Einzelheiten enthalten, gleichen sie sich doch in dem einen grundsätzlichen Element, das da immer lautet: „Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein" (Jeremia 31,33; 2.Korinther 6,16; Offenbarung 21,3).

Der Bund der Erlösung
Der allererste Bund, den Gott jemals schloss, war nicht ein Bund nicht mit Menschen, sondern für Menschen. Es ging um ihre ewige Erlösung. Deswegen nennt reformierte Theologie ihn auch gern „Bund der Erlösung". Es ist ein Bund zwischen den drei Personen der Gottheit und wurde bereits in der Ewigkeit vor aller Zeit gestiftet und deshalb in der Bibel auch „ewiger Bund" genannt (Hebräer 13,20; Jesaja 55,3). Weil der dreieinige Gott schon von Anfang an den Sündenfall des Menschen sah, traf Er bereits in der Ewigkeit, schon Äonen zuvor Vorkehrung, um Menschen aus dem Fluch ihrer Gefallenheit zu erlösen, und begründete den „Bund der Erlösung".
Dieser Bund ist also eine vor aller Zeit getroffene Übereinkunft zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist zugunsten der kommenden Gemeinde, der Braut Christi. Deshalb spricht Paulus von "dem Vorsatz der Ewigkeiten, den Gott in Jesus Christus gefasst hat" (Epheser 3,11). Und in diesem Ewigkeitsbund wurde auch festgelegt, dass die Erlösung nur durch das teure Blut Christi zustande kommen soll, weshalb die Bibel an vielen Stellen von Jesu Blut als dem „Blut des Bundes" spricht - zum Beispiel von dem "Blut des ewigen Bundes" (Hebräer 13,20); siehe auch Matthäus 26,28; Hebräer 9,18+20; 10,29).
Das heißt, der Plan der Erlösung war nicht eine Notlösung, die Gott einfiel, als Er sah, was der Sündenfall angerichtet hatte, sondern er bestand bereits vor aller Zeit und ist deshalb auch der allererste Bund, den Gott je eingesetzt hat.
In diesem Bund versprach der Vater Seinem geliebten Sohn, Ihm ein Volk zu Seinem Eigentum zu geben. Wenn wir das Gebet Jesu in Johannes 17 aufmerksam lesen, dann fällt uns auf, dass Jesus mindestens achtmal von Menschen spricht, die der Vater Ihm „gegeben" hat. Zum Beispiel betet Jesus in Vers 6: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbar gemacht, die du mir aus der Welt gegeben hast; sie waren dein, und du hast sie mir gegeben.“ In Vers 9 betet der Heiland „nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast". In Vers 24 besteht Jesus darauf, „dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast". Und wann hat der Vater diese dem Sohn gegeben? Die Antwort gibt Jesus im selben Vers: „Du hast mich geliebt, vor Grundlegung der Welt!" Aus Liebe hat der Vater dem Sohn also ein Volk zu seinem Eigentum geschenkt - und das vor Grundlegung der Welt. Darum spricht der Heiland auch nicht nur in Johannes 17 von denen, die Ihm der Vater „gegeben" hat, sondern auch an vielen anderen Stellen ist das Seine sehr geliebte Redewendung. Zum Beispiel betont Er: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen“ (Johannes 6,37). Wenn Menschen zu Christus kommen, sind das also immer die, die Ihm der Vater einst gegeben hat. Auch von Seinen Schafen sagt Er: „Mein Vater, der sie mir gegeben hat (…)" (Johannes 10,29). Und zur Versicherung der Seinen bekräftigt Er den festen Willen des Vaters: „(…) dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat" (Johannes 6,39). Ja, mit ganzer Kraft kann es heißen: „Der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen“ (2.Timotheus 2,19). Warum kennt Er sie? Weil sie Ihm in der Ewigkeit vom Vater in Seine Hände übergeben worden sind, damit er sie in der Fülle der Zeit durch Sein Blut erlöse und sie für immer Seine Braut seien, das Volk seines Eigentums und Schafe seiner Weide.
Die Rollen in diesem ewigen Bund sind klar. Der Vater sendet Seinen Sohn und den Heiligen Geist. Durch die Fleischwerdung betritt der Sohn die Arena dieser Welt und stirbt stellvertretend für uns am Kreuz. Und der Heilige Geist offenbart uns das vollbrachte Erlösungswerk Christi, bringt es unseren Herzen nahe und wendet es konkret in unserem Leben an. Wie überwältigend, zu erkennen, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist uns bereits vor Grundlegung der Welt in den herrlichen Bund der Erlösung mit eingeschlossen haben. Darum gilt allen Kindern Gottes: „Ich habe dich von Ewigkeit her geliebt und dich darum aus lauter Güte zu mir gezogen" (Jeremia 31,3).

Der Werkebund
Als Gott dann am Anfang der Zeit den Menschen schuf, gab Er ihm eine Regel, nach der sich die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf gestalten sollte. Das war der sogenannte Bund der Werke, der erste Bund, den Gott direkt mit Menschen schloss. Wie der Ausdruck schon sagt, war es ein Bund auf der Grundlage von Werken, den der Herr mit Adam und Eva im Garten Eden machte. Denn Er sprach zu ihnen: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, nur von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen. Denn sobald du davon isst, musst du des Todes sterben." (1.Mose 2,16-17). Adam und seinen Nachkommen war zwar das Leben verheißen, aber nur unter der Bedingung von Gehorsam. Leben war also Lohn für die Erfüllung der Forderungen Gottes. Menschliche Werke waren also die Geschäftsgrundlage für den ersten Bund Gottes mit den Menschen. Und deswegen heißt es auch durch den Mund des Propheten Hosea: „Sie aber haben wie Adam den Bund übertreten; dort sind sie mir untreu geworden" (Hosea 6,7)! Wir sehen, dass die Bibel spätestens an dieser Stelle ausdrücklich von einem Bund Gottes mit Adam spricht. Und dieser Bund musste durch Werke gehalten werden. Er basiert auf dem Grundsatz: „Der Mensch, der diese Dinge tut, wird durch sie leben" (Römer 10,5; Hesekiel 20,11), aber "die Seele, die sündigt, soll sterben" (Hesekiel 18,4).
Dieser "Werkebund" war so angelegt, dass er nicht nur in etwa Gehorsam verlangte, sondern Adam und seine Nachkommenschaft wurden verpflichtet, vollkommenen und persönlichen Gehorsam zu leisten. Die Idee eines teilweisen oder unvollkommenen Gehorsams ist ausgeschlossen. Dem Menschen war vor aller anderen Schöpfung das Vorrecht gegeben, nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein. Darum waren ihm auch die Fähigkeit und die Pflicht gegeben, makellos Gottes heiligen Charakter widerzuspiegeln. Da war also kein Raum für Übertretung, auch nicht für die geringste.
Aus der Perspektive humanistischen Denkens mag eine solche Bundesforderung kleinlich klingen. Betrachten wir den Werkebund jedoch aus der Perspektive der Heiligkeit Gottes, dann sieht die Sache ganz anders aus. Denn mit jeder Sünde brechen wir Gottes heiligen Bund. Die Bibel sagt, dass Gottes Augen zu rein sind, als dass Er Böses ansehen könnte (Habakuk 1,13). Jede Sünde ist also dem Versuch gleich, Gottes heilige Augen mit Gift zu blenden. Sie ist voll darauf aus, die Herrlichkeit und Ehre Gottes zu schänden und Ihn zu stürzen. Darum ist doch einleuchtend: „Die Seele, die sündigt, soll sterben!"
Weil wir in einer gefallenen Welt leben, scheint uns Sünde normal zu sein, und wir nehmen die ursprünglichen Geschäftsbedingungen auf die leichte Schulter, die Gott der Menschheit zu Beginn gegeben hat. Wir verniedlichen unsere Missetaten mit den Worten „niemand ist perfekt" oder „wir machen doch alle Fehler" - so, als wäre es unser gutes Recht, auch mal zu sündigen. Das ist ein riesiger und fataler Irrtum, dem wir verfallen sind. Gott hat nirgendwo irgendeinem Menschen je zugebilligt, ab und zu ruhig mal zu sündigen. Nein, Seine Botschaft ist klar: „Fürchte den Herrn und weiche vom Bösen!" (Sprüche 3,7). Welch eine unbeschreibliche Arroganz ist es, Sünde einfach nur als Fehler zu verharmlosen, während die heilige Gerechtigkeit Gottes festgelegt hat, dass jede Übertretung ein Skandal ist. Wer sind wir eigentlich, von uns aus einfach zu bestimmen, dass Sünde nicht so schlimm sei, während der König aller Könige und Herr aller Herren festgesetzt hat, dass sie Bundesbruch ist und den Tod verdient?
Dabei dürfen wir dennoch nicht übersehen, dass der Bund der Werke auch wunderbare Elemente der Gnade enthält. Denn bevor Gott den Bund der Werke verordnet hat, gab Er uns die Existenz - und zwar ohne unser Zutun. Er stand unter keiner Verpflichtung, irgendjemandem zu erschaffen. Das war allein Seine Gnade. Und es war auch Gnade, dass Er mit uns als Menschen überhaupt in einen Bund eintrat. Und dass dieser Bund von Gottes Seite ein besonderes Segensversprechen beinhaltete, war auch Gnade. Denn hätte Gott von uns als Seinen abhängigen Geschöpfen nicht selbstverständlich erwarten können, dass wir Ihm auch ohne besonderen Lohn gehorchen? Ja, natürlich! Aber in Seiner Großzügigkeit arbeitete der Herr in den Bund der Werke bereits Gnade mit ein. Er versprach uns freiwillig Segen, wiewohl Er dazu nicht gezwungen war. Welch einen herrlichen Gott haben wir doch!

Der Bund der Gnade
Leider weigerte sich Adam und ebenso auch alle seine Nachkommen, im Rahmen des „Werkebundes" zu leben. Stattdessen brachen sie den Bund mit Gott, wodurch sie unfähig wurden, je wieder im Gehorsam ihrem Schöpfer gegenüber zu leben. Weil Werke sie also nicht mehr retten konnten, brauchten sie dringend Gnade. Und die schenkte ihnen Gott, indem Er ihnen einen neuen Bund gab (Lukas 22,20; 2.Korinther 3,6; Hebräer 8,8; 9,15;12,24), nämlich den „Bund der Gnade". In diesem neuen Bund, dem Evangelium, wird Sündern in Jesus Christus Heil und Leben nun frei angeboten. Dieser neue Bund ist die praktische Verwirklichung und Umsetzung des „Bundes der Erlösung", den die drei Personen der Gottheit von Ewigkeit her miteinander beschlossen hatten. Die Rolle des Herrn im „Gnadenbund" besteht nun dabei in der festen Zusage, allen denen, die zum ewigen Leben verordnet sind (Apostelgeschichte 13,48), den Heiligen Geist zu schenken, damit Er sie willig und fähig zum Glauben macht. Und die Rolle des Menschen besteht nun darin, aus diesem geschenkten Glauben heraus, Jesus Christus als ihrem persönlichen Erlöser zu vertrauen und Buße zu tun.
Obwohl der „Bund der Gnade" vom „Bund der Werke" ganz und gar verschieden ist, bleibt der „Bund der Werke" aber doch intakt. Gott übt nämlich immer noch gerechtes Gericht an Gesetzesbrechern. Der neue Bund ist nämlich nicht Ersatz, sondern eine Ergänzung des alten. Denn nicht nur Adam, sondern die gesamte Menschheit steht bis heute unter dem „Bund der Werke". Menschen mögen ihn ignorieren oder gar verwerfen, aber sie können ihm nicht entkommen. Denn alle Menschen ohne Glauben an Christus werden im großen Gericht nach ihren Werken gerichtet (vgl. Offenbarung 20,12-13). Wir brauchen also verzweifelt den Bund der Gnade.
Weiter müssen wir sehen, dass auch der Gnadenweg nur auf der Grundlage des alten Werkebundes möglich ist. Er muss auch im Evangelium erfüllt werden. Glücklicherweise müssen wir ihn nicht mehr selbst erfüllen, sondern Christus hat es stellvertretend für uns getan. Das zeigt uns die köstliche Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Errettung letztendlich durch nichts anderes zustande gekommen ist als durch die vollkommene Erfüllung des gültig bleibenden Gesetzes, dem Jesus Christus allen Gehorsam erwiesen hat. Er hat für uns das vollbracht, wozu wir nicht mehr fähig waren. Das ist der „Bund der Gnade".
Und dieser „Bund der Gnade" zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel. Seine verschiedenen Facetten manifestieren sich zum Beispiel im Bund mit Noah, mit Abraham, mit Moses und David und nicht zuletzt mit der erlösten Gemeinde. Gotteskinder sind Bundeskinder. Sie haben den Bund der Werke gebrochen, worin Gott ein für alle Mal gezeigt hat, dass sie aus sich heraus das Leben nicht finden. Darum hat Er den Seinen bereits in Ewigkeit einen Rettungsschirm bereitet, den „Bund der Erlösung", damit sie durch den "Bund der Gnade" in ihrer irdischen Zeit sicher gerettet werden und gerettet bleiben.
Und diese Heilsbündnisse hat der allmächtige Gott sogar mit einem Eid verbürgt, weil Er noch „kräftiger beweisen wollte, dass sein Ratschluss nicht wankt" (Hebräer 6,17). Und darum bleibt es bestehen: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer" (Jesaja 54,10).

Teil V
Die Verdorbenheit des Menschen


In Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es sehr zutreffend: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Dieser Wert- und Achtungsanspruch soll demnach jedem Menschen kraft seines Menschseins zukommen – also einfach, weil er existiert. Christen begründen die Menschenwürde jedoch lieber mit dem Ebenbild Gottes, nach dem der Mensch geschaffen ist. Aber leider werden aus dieser biblischen Tatsache häufig falsche Schlüsse gezogen. Weil Gott nur Gutes schafft, darum, so wird argumentiert, müsse auch der Mensch gut sein – zumindest in seinem Kern. Aber ist dieses gern so genannte „christliche Menschenbild“ auch das „biblische Menschenbild“? Nein! Gewiss betont die Bibel die Würde des Menschen, um ihn insbesondere vor dem Missbrauch anderer zu schützen (…Bibelstelle), aber sie leitet davon nicht den „guten“ Menschen ab, sondern sie weist auf die Katastrophe des Sündenfalls hin, durch den der Mensch moralisch verdorben wurde.
Gleich auf den ersten Blättern der Bibel wird uns berichtet, wie die Sünde in das Leben der ersten Menschen einbrach und nicht nur sie, sondern auch ihre gesamte Nachkommenschaft vergiftete. So wie die Verunreinigung einer Quelle den ganzen Fluss verdirbt, so wurde durch die Sünde eines einzigen Menschen der gesamte Menschheitsstrom kontaminiert (Bibelstelle). Und so durchdringt das Böse bis heute jeden Menschen. Es erfasst unsere ganze Person und alle Bereiche unseres Seins: den Körper, die Seele, den Verstand, den Willen usw. Jede Faser unserer Existenz ist davon betroffen, sodass auch nicht eine kleinste Insel von Gerechtigkeit in uns geblieben ist.

Ein fauler Baum
Diesen Zustand des gefallenen Menschen haben die Reformatoren deshalb häufig seine „totale Verdorbenheit“ genannt. Damit meinten sie nicht, dass jeder Mensch zu jeder Zeit immer so böse ist, wie er nur kann. Selbst ein Massenmörder ist nicht immer nur böse, sondern es kann sein, dass er seinen Hund liebevoll behandelt. „Totale“ oder „völlige“ Verdorbenheit meint also nicht Bosheit in ihrer extremsten Form, sondern eine grundsätzliche Verdorbenheit der gesamten menschlichen Anlage. Dabei lehnen sich die Reformatoren sehr an Jesus an, der gesagt hat: „Ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen“ (Matthäus 7,18). Das Problem liegt natürlich nicht in den Früchten, sondern in der Wurzel. Genauso sind nicht unsere Sünden das eigentliche Problem, sondern unser Herz, aus dem die bösen Gedanken, Worte und Taten entspringen (Matthäus 15,19). Wir sind nicht Sünder, weil wir sündigen, sondern wir sündigen, weil wir Sünder sind. Wir sind von der Wurzel her so verdorben, dass wir nur Böses hervorbringen. So wie man von Dornen nicht Trauben und von Disteln nicht Feigen ernten kann, so kann kein Mensch aus seiner sündhaften Natur im Sinne Gottes Gutes hervorbringen (Matthäus 7,16). Und das ist seit dem Sündenfall so. Seitdem werden wir alle mit einer sündhaften Natur geboren, mit einer faulen Wurzel, einem bösen Herzen, woraus alle unsere sündigen Handlungen hervorgehen. Paulus nennt diesen Zustand „unter der Sünde sein“ (Römer 3,9). Damit will er sagen, dass wir unter der Kontrolle unserer Sündennatur stehen und fortwährend von ihr bestimmt werden und deshalb das vernichtende Zeugnis der Bibel erhalten:
„Es ist keiner gerecht, auch nicht einer; es ist keiner, der verständig ist, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, sie taugen alle zusammen nichts; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer! Ihre Kehle ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen betrügen sie; Otterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll Fluchen und Bitterkeit, ihre Füße eilen, um Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend bezeichnen ihre Bahn, und den Weg des Friedens kennen sie nicht. Es ist keine Gottesfurcht vor ihren Augen“ (Römer 3,10-18).
Die Ausdrucksweise „keiner, auch nicht einer“ weist darauf hin, wie absolut diese Verse genommen werden sollen. Für Ausnahmen, außer der Ausnahme Jesus Christus, ist kein Platz. Außer Ihm ist definitiv keiner da, der Gutes tut, auch nicht einer! Die Anklage lautet nicht, dass wir zu wenig Gutes tun, sondern dass wir niemals – auch kein einziges Mal – etwas Gutes tun.
Tun Ungläubige nicht auch Gutes?
Aber tun wir denn wirklich niemals Gutes? Tun das nicht sogar auch die Ungläubigen? Sie sind doch auch freundlich und hilfsbereit! Natürlich. Das anerkannten selbstverständlich auch die Reformatoren und nannten deshalb die guten Verhaltensweisen des natürlichen Menschen „Bürgertugenden“. Aber sie sahen auch, dass diese guten Taten nur äußerlich dem Gesetz Gottes entsprechen. Sündhafte Menschen können durchaus die Wahrheit sagen oder Nächstenliebe praktizieren. Aber diese Taten sind nicht im letztgültigen Sinne gut. Denn wenn Gott die guten Werke von Menschen bewertet, schaut Er nicht nur auf die Taten als solche, sondern auch auf die Motive, die dahinterstehen. Und das wichtigste Motiv, das Gott erwartet, ist die Liebe zu Ihm. Eine Tat, die äußerlich zwar den Geboten Gottes entspricht, aber von einem Herzen ausgeführt wird, das ferne von Gott ist, kann Ihm nicht gefallen.
Deshalb war Jonathan Edwards der Meinung, dass die „Bürgertugenden“ der Menschen bei Licht besehen letztendlich von Selbstinteresse motiviert sind. Ihre äußerlich guten Handlungen werden nicht von dem Wunsch gesteuert, Gott zu gefallen und Ihn zu ehren, sondern von dem Verlangen, ihr Selbstinteresse zu schützen. Gewiss hält sich ein natürlicher Mensch auch an Geschwindigkeitsgrenzen. Aber er tut es nicht, um damit Gott zu preisen, sondern um keinen Strafzettel zu kassieren. Auch unerneuerte Menschen geben pünktlich ihre Steuererklärung ab – aber nicht aus Liebe zu Gott, sondern um sich Konflikte mit dem Finanzamt zu ersparen. Ja, wir gefallenen Kreaturen tun viele gute Dinge – aber eher, weil sie sich lohnen, wir Beifall erhalten und sie unserem Selbstwertgefühl guttun, als aus reiner Herzensliebe zu unserem Gott und Schöpfer.

Die Erbsünde
Dass unter den gefallenen und unwiedergeborenen Menschen keiner da ist, der Gutes tut, auch nicht einer, hängt mit der „Erbsünde“ zusammen. Wenn dieser Ausdruck als solcher auch nicht in Gottes Wort vorkommt, so waren sich die Väter der Christenheit dennoch einig, dass er als Inhaltsbegriff für das, was die Bibel über den Ursprung der menschlichen Sündhaftigkeit lehrt, sehr hilfreich ist, weshalb die Lehre von der „Erbsünde“ in allen historischen Glaubensbekenntnissen enthalten ist. Sie leitet sich zum Beispiel von den Worten der Schrift ab, dass „durch die Sünde des einen (Adam) die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist“ (Römer 5,18) oder dass uns unsere Mutter „in Sünden empfangen hat“ (Psalm 51,7). Auch schon Hiob weist auf den Tatbestand der Erbsünde hin, indem er sagt: „Wie könnte denn ein Reiner von einem Unreinen kommen? Nicht ein einziger“ (Hiob 14,4). Deshalb fasst Paulus zusammen, dass in uns, in unserem Fleisch, „nichts Gutes wohnt“ (Römer 7,18).
Wenn uns nun aber die Sündhaftigkeit angeboren ist, was können wir dafür, dass wir sündigen? Wenn wir von Natur aus nichts anderes als Schlechtes hervorbringen können, inwiefern können wir dann schuldig sein? Für den Kirchenvater Augustin war das kein Widerspruch. Weil er die Forderungen Gottes anerkannte und gleichzeitig seine eigene Unfähigkeit sah, betete er zum Herrn: „Verleihe mir zu tun, was du befiehlst, und befiehl mir, was dir Recht ist!“ Sein theologischer Widersacher namens Pelagius lehnte es ab, so zu beten. Er war der Meinung, dass es ungerecht von Gott wäre, von Seinen Kreaturen etwas zu verlangen, was sie gar nicht können. Wenn Er moralische Vollkommenheit von uns fordert, dann müssten wir auch in der Lage sein, sie zustande zu bringen. Für Pelagius war Gnade demzufolge nur eine Art Erleichterung bei dieser menschlichen Mühe, aber nicht unbedingt erforderlich.
Aber nach Auffassung Augustins und der Reformatoren ist Gnade nicht nur eine Erleichterung in unserer Anstrengung, Gott zu gehorchen, sondern wegen unserer gefallenen Natur und der damit verbundenen Unfähigkeit ist Gnade zwingend notwendig. Warum sollte Gott Seine Forderung nach Vollkommenheit und Heiligkeit, die doch bereits vor dem Sündenfall bestand, anschließend aufheben? Der menschliche Fall änderte nicht Gottes Anspruch, aber er änderte uns. Was vor dem Sündenfall noch moralische Fähigkeit war, wurde danach zur moralischen Unfähigkeit. Und nur weil die Menschheit selbstverschuldet rechtsunfähig geworden ist, verzichtet Gott doch nicht auf Gerechtigkeit. Darum lautet das biblische Fazit: Ohne Gnade geht nichts, sondern ohne sie sind wir verloren! Augustin bringt es mit seinem Gebet also genau auf den Punkt: „Verleihe mir zu tun, was du befiehlst, und befiehl mir, was dir Recht ist!“ Auch der Zöllner erkannte exakt diese Wahrheit von unserer menschlichen Verdorbenheit und Unfähigkeit, indem er betete: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18,13).
Dass die Philosophie des Humanismus das Menschenbild von Pelagius teilt, ist nicht verwunderlich. Dass das aber zunehmend auch der moderne Evangelikalismus tut, ist erschreckend. In einer Gallup-Umfrage gab die überwältigende Mehrheit bekennender Evangelikaler in Amerika an, dass der Mensch in seinem Kern gut sei. In Deutschland würde diese Umfrage wohl nicht viel anders ausfallen. Der Grund, dass auch Christen solche Sichtweisen vertreten, liegt darin, dass sie den Sündenfall und seine verheerenden Folgen völlig ausblenden. Sie gehen einfach davon aus, dass der Mensch nach seinem Fall derselbe war wie vorher und dass wir alle mit der gleichen moralischen Kondition auf die Welt kommen wie einst Adam und Eva vor ihrem Fall. Aber die Bibel lehrt uns, dass die ersten beiden Menschen durch den Einbruch der Sünde ihre freiheitliche Natur verloren haben und stattdessen einer unfreien, versklavten Natur unterworfen wurden, die sie an alle ihre Nachkommen vererbt haben. Darum sind wir alle außerstande, aus uns heraus irgendetwas Gutes im Sinne Gottes zu tun. Alles, wozu wir in der Lage sind, ist sündigen – es sei denn, wir könnten unsere böse Natur von uns abschütteln. Aber ebenso wenig wie eine Katze das Mausen lassen kann, kann ein Mensch ohne die Gnade einer erneuerten Natur das Sündigen lassen. Denn wir handeln immer entsprechend unserer gefallenen Natur. Und so sind wir, wie Augustin ebenfalls gesagt hat, eine „Masse von Sünde“ (massa peccati) und können von uns aus niemals zu Gott zurückkehren – ebenso wenig wie sich ein leeres Gefäß selber wieder mit Wasser füllen kann.
Dementsprechend äußerte sich auch Martin Luther über die Erbsünde: „Sie ist nichts anderes als die ganze Bosheit und Neigung zum Bösen, welche alle Menschen in sich fühlen!“(1) Ein anderer Satz von Luther lautet: „Man sollte die Verderbung der Natur durch die Erbsünde nicht gering, sondern groß machen, denn wenn die Größe des Schadens und der Krankheit nicht recht erkannt wird, wird auch die Arznei nicht begehrt.“(2) Und welches die Arznei ist, sagte der Reformator auch: „Wider die Erbsünde ist keine Arznei als die Gnade.“(3) Nicht gute Werke und moralische Anstrengung helfen gegen unsere völlige Verdorbenheit, sondern allein die Gnade (sola gratia), die uns in der Wiedergeburt zu einer neuen Kreatur macht. Nicht Besserung unserer alten Natur ist nötig, sondern eine völlige Neuschöpfung. Darum heißt es: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2.Korinther 5,17).
Suchen gefallene Menschen Gott?
Hier ist noch ein weiterer Aspekt der Lehre von der menschlichen Verdorbenheit: Gelegentlich sagen Christen, dass ihre unerretteten Bekannten „Gott suchen“ oder „nach Gott fragen“. Warum sagen wir das eigentlich? Wo die Schrift doch klar und deutlich lehrt, dass keine unwiedergeborene Person jemals Gott sucht: „…da ist keiner, der nach Gott fragt“ oder in einer anderen Übersetzung „keiner, der Gott sucht“ (Römer 3,11). Oberflächlich betrachtet scheint diese Aussage der Schrift mit anderen Stellen tatsächlich nicht stimmig zu sein. Denn werden wir doch oft in der Bibel ermahnt, Gott zu suchen, und das von ganzem Herzen. Aber wenn wir der Sache auf den Grund gehen, werden wir sehr bald feststellen, dass jeder unwiedergeborene Mensch nicht Gott sucht, sondern vor Ihm auf der Flucht ist. Er meidet die Gegenwart Gottes. Was hatte die erste Sünde im Garten Eden zur Folge? Die erste Flucht der Menschheit. Adam und Eva flohen vor der Gegenwart Gottes, weil sie ihre Schuld vor Ihm verbergen wollten. Und so geht es bis heute: anstatt ihren Schöpfer zu suchen, laufen die Menschen vor Ihm davon, und zwar so schnell und so weit sie können.
Bestimmt sind viele Menschen in gewisser Hinsicht auf der Suche. Sie suchen Glück, persönliche Befriedigung, auch religiöse Erfahrungen. Sie suchen aber nur Dinge – Dinge, die Gott geben kann. Aber sie suchen nicht Ihn selbst. In unserer Gefallenheit suchen wir zwar allerlei Segnungen, aber wir lehnen den ab, von dem sie kommen. Das ist die Schizophrenie des verdorbenen Menschen. Deshalb erklärt Römer 3,12 nicht nur, dass keiner Gott sucht, sondern auch „…sie sind alle abgewichen und taugen alle zusammen nichts.“
Fazit: Wir „finden“ nicht Gott, weil wir Ihn suchen, sondern Er findet uns, weil Er uns nachgeht. Die Suche nach Gott endet nicht, wie oft gesagt wird, wenn wir uns bekehren, sondern dann beginnt sie erst. Erst die wiedergeborene und zum Herrn bekehrte Person fängt ernsthaft an, nach Gott zu fragen und Ihn von Herzen zu suchen. Erst wenn uns Gott in Seiner Gnade durch den Heiligen Geist zu einer neuen Kreatur gemacht hat, fangen wir an, wirklich Verlangen nach Christus zu haben und der Heiligung nachzujagen. Jonathan Edwards formulierte es einmal so: „Die Suche nach Gott ist das Hauptgeschäft eines wahren Christen!“ Erst wenn wir Gotteskinder geworden sind, geht unser Sehnen zu Jesus. Vorher sind wir stumpf, geistlich tot und unfähig, uns von uns aus zu Gott zu erheben. So verdorben ist unsere alte Natur. Aber es gibt Gnade! Gepriesen sei der Herr!



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Teil VI
Vom unfreien Willen


Hat der Mensch einen freien Willen oder nicht? In der Regel wird sofort mit „ja“ geantwortet. Auch die meistens Christen überlegen nicht lange, sondern meinen: „Selbstverständlich hat der Mensch einen freien Willen.“ Wir wollen jedoch kurz innehalten und prüfen, ob man das tatsächlich so einfach behaupten kann.

In den täglichen Angelegenheiten
Wir beginnen mit der Frage, wie es sich mit unseren täglichen Willensentscheidungen verhält. Wir wählen, was wir haben wollen – die Kleidung, die wir anziehen, die Speisen, die wir essen. Selbstverständlich sind wir frei, zu sagen, was wir möchten. Dieser kleine Nachsatz 'was wir möchten' ist aber sehr wichtig. Denn wir möchten immer das, was wir gerade haben wollen oder wozu wir geneigt sind. Das heißt, unser Wille ist abhängig von unserer augenblicklichen Neigung. Stell dir vor, du hast dich gerade so richtig satt gegessen. Dann ist es sehr leicht für dich, dich für eine Diät zu entscheiden. Aber nach einiger Zeit kann es sein, dass der inzwischen zurückgekehrte Hunger dich dazu bewegt, doch wieder etwas anderes zu wollen. Das heißt, wenn wir zwischen zwei Dingen wählen, sind wir ihnen gegenüber nicht neutral und unabhängig, sondern durch unsere gefühlten Bedürfnisse ziemlich voreingenommen. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Lass uns doch mal weiter hinten in der Kirche sitzen!“ Der Mann erwidert: „Aber vorne ist man doch näher dran. Warum willst du hinten sitzen?“ Die Frau bekennt ihm ehrlich: „Ich möchte doch so gerne sehen, wer alles da ist!“ Es war also keine neutrale Wahl, vorne oder hinten sitzen zu wollen, sondern ihre Neugier hatte den Ausschlag gegeben. Und da kommt jetzt der Faktor Sünde mit hinein. Wenn wir vom freien Willen sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass der Mensch durch den Sündenfall ein Knecht der Sünde geworden ist. Und solange wir nicht aus der Kraft der Erlösung leben, beherrscht das Böse unsere Neigungen und schafft sündhafte Lüste in uns, die selbstverständlich unseren Willen manipulieren. Ja, wir treffen ohne äußeren Zwang freie Entscheidungen. Aber in Anbetracht der Macht der Sünde im Menschen von einem absolut freien Willen zu sprechen, scheint mir nicht angemessen zu sein. Wer das dennoch tut, leugnet entweder den Sündenfall oder geht davon aus, dass dieser den Willen des Menschen nicht geschädigt hat.

Bei der Entscheidung für Christus
Wie steht es nun bei der Entscheidung für Christus? Hat der Mensch nicht wenigstens in dieser Sache einen freien Willen? Im Paradies hatte der Mensch in der Tat einen freien Willen und auch einen Überblick über das Gute und Böse, sodass er die Kraft hatte, zwischen beidem objektiv zu wählen. Seit die Sünde aber in sein Wesen eingedrungen ist, bestimmt diese natürlich seine Neigung. Als sie ihn noch nicht beherrschte, war er frei in beide Richtungen. Als das Böse aber zu seinem Charakter wurde, war er von Natur aus nicht mehr frei für das Gute, weshalb sich bis heute jeder natürliche Mensch gegen Christus entscheidet. Denn „das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott“ (Römer 8,7). Das ist seine Natur, und darum ist bei keinem natürlichen Menschen ein freier Wille vorhanden, Christus folgen zu wollen. Ein guter Bekannter beklagte sich einmal bei mir, dass er neuerdings von so vielen verleumdet und bestohlen werde. Sogar der Briefträger breche bei ihm ein und klaue ihm Wäsche. Das klang sehr nach Zwangsvorstellungen. Natürlich wollte ich helfen und sagte ihm, dass seine Freunde doch alle zu ihm stehen und dass der Briefträger wohl kaum seinen Wäscheschrank durchsucht. Das Ergebnis war, dass er auch zu mir jeden Kontakt abbrach und mich zu seinen Feinden zählte. In seinem Verfolgungswahn zog er in eine fremde Stadt und verstarb nach Jahren in großer Einsamkeit.

Wiewohl mein Bekannter täglich freie Entscheidungen traf, war er doch nicht frei, seinen besten Freunden zu vertrauen. Bei der Frage, ob er ihnen glauben solle oder nicht, war er nur frei in eine Richtung, nämlich ihnen nicht glauben zu können. Wiewohl er diese Entscheidung freiwillig, von sich aus und ohne äußeren Zwang getroffen hat, kann man wohl dennoch nicht davon sprechen, dass sein Wille wirklich frei war. Denn er war befangen. Obwohl er theoretisch frei zwischen Vertrauen und Misstrauen hätte wählen können, war er psychisch so voreingestellt, dass er immer nur Verdacht schöpfte. Da halfen auch keine Appelle an seine Vernunft. Denn die innere Beschaffenheit seines Wesens legte seine Wahl fest.

Natürlich antworten wir darauf, dass dieser Mann doch krank war. Aber ist nicht auch der gefallene Mensch krank? Schlimmer noch, er ist geistlich tot. Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser:

„Auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und Sünden, in denen ihr einst gelebt habt nach dem Lauf dieser Welt, gemäß …den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten; und wir waren von Natur Kinder des Zorns… Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat um seiner großen Liebe willen, …auch uns, die wir tot waren durch die Übertretungen, mit dem Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr errettet!" (Epheser 2,1-5)

Hier vergleicht Paulus die völlige Verdorbenheit des Menschen[1] mit dem Tod, aus dem heraus er sich absolut nicht mehr helfen kann. Allerdings ist dieser „Tod“ des Sünders nicht biologischer Art, sondern er ist „tot durch Übertretungen und Sünden“. Sein Tod besteht darin, dass er zwar lebt, aber unwissend ein Leben auf niedrigerer Ebene führt – „nach dem Lauf dieser Welt“ und „nach dem Willen des Fleisches“. Der Gesetzmäßigkeit dieses „toten“ Lebens ist jeder Mensch von Natur aus unterworfen – „von Natur Kinder des Zorns“.

Die Bibel vergleicht dieses Leben auch mit einem Hundeleben. Denn so wie ein Hund seiner Natur nicht entfliehen kann, sondern „wieder umkehrt zu dem, was er erbrochen hat“ (2.Petrus 2,22), kann auch der Mensch seiner gefallenen Natur nicht entfliehen, sondern geht den Weg des Verderbens immer weiter. Wie ein Hund seiner Art gemäß schnüffelnd von einem Dreck zum nächsten läuft, so sucht der Mensch sein Leben in der Sünde. Das tut er nicht durch fremden Zwang, sondern ganz und gar freiwillig – schlicht weil es seine Neigung ist.

Weil der Mensch auf diese Weise in sich selbst ahnungslos gefangen ist, deshalb will er da auch nicht heraus. Darum nennt Paulus diesen Zustand „tot“. Das bedeutet nicht, dass der gefallene Mensch keinen Willen mehr hat. Wiewohl er geistlich tot ist, hat er immer noch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Allerdings nicht auf der Ebene des geistlichen Lebens, sondern nur auf der Ebene des Fleisches. Er kann nur den Willen des Fleisches tun, aber nicht den Willen Gottes. Und genau da liegt die Ursache seiner Unfähigkeit, sich selbst zu Gott zu bekehren. Darin besteht sein geistlicher Tod. Nicht, dass er im Rahmen seines gefallenen und niederen Seins nicht täglich frei wählen könnte, aber das Göttliche zu wählen, das liegt außerhalb seiner Reichweite. Dafür hat er keine Wahrnehmungsfähigkeit, keine Antenne. „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1.Korinther 2,14). Und darum hat er am geistlichen Leben so viel Interesse wie beispielsweise ein Maulwurf an der Sonne. Deswegen ist nicht irgendein menschlicher Wille von Bedeutung, sondern Gottes auferweckendes Eingreifen. Darum betont Paulus: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen, …sondern an Gottes Erbarmen“ (Römer 9,16). Erst ist also Erbarmen nötig, bevor einer will. Und in der Tat, Gott ist „reich an Erbarmen, …und hat uns, die wir tot waren durch Übertretungen, mit dem Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr errettet!“ (Epheser 2,4-5). Bevor also irgendeine geistliche Regung im Menschen da ist, eine Willensbereitschaft, eine Buße, eine Bekehrung, müssen wir erst aus unserem geistlichen Tod heraus mit Christus lebendig gemacht werden. Erst dann wollen wir, erst dann glauben wir. Vorher sind wir dafür blind, taub und tot, und es ist kein Wollen in uns. Deshalb sei der Herr gepriesen, der „beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2,13). Bevor die Totengebeine auf dem Felde, von denen uns Hesekiel berichtet, irgendetwas wollen oder tun konnten, musste der Odem des Herrn sie erst anblasen und lebendig machen (Hesekiel 37,1-10). So kommt auch bei der Entscheidung für Christus zuerst das Leben und dann der Wille. Was Jesus sagte Der Herr Jesus lehrt uns das Gleiche. Er sagt: „Der Geist ist's, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. …Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben“ (Johannes 6,63-68). Hier spricht also auch der Herr über die moralische Unfähigkeit des Fleisches. Es ist nichts nütze. Es kann und will Christus nicht ergreifen. Aus der Kraft des natürlichen Menschen kann niemand zu Ihm kommen. Das ist eine radikale und universell geltende Behauptung unseres Meisters. Kein Mensch zu keiner Zeit konnte oder kann von sich aus zu Christus kommen, es sei denn, es werde ihm vorher vom Vater gewährt. Er muss zuvor etwas tun, damit unsere Unfähigkeit, das Gute und Göttliche zu wählen, überwunden wird. Und das tut Er durch den lebendig machenden Heiligen Geist. Als Jesus das erklärte, wandten sich viele von Seinen Jüngern ab – wohlgemerkt, von Seinen Jüngern! Und so ist es bis heute – diese Wahrheit reizt viele, weil sie den guten, moralisch fähigen Menschen vom Sockel holt. Was die Reformer lehrten Ganz im Sinne Christi hat Martin Luther gewirkt. Im Dezember 1525 brachte er eine Grundsatzschrift heraus, die sich leidenschaftlich gegen die Lehrmeinung des Humanisten Erasmus von Rotterdam wandte, der die These vom freien Willen vertrat. Der Titel dieser Erwiderungsschrift Luthers lautete: „Vom unfreien Willen – dass der Wille nichts sei“. Der Reformator erörterte darin die Frage, ob der Mensch nach dem Sündenfall die Freiheit behalten habe, sich aus eigener Kraft für Gott zu entscheiden, oder ob diese Entscheidung nicht schon selbst Geschenk der Gnade sei. Dabei berief sich Luther auf Paulus und betonte vehement, dass die Errettung von A - Z allein aus Gnade sei und nicht die Belohnung für eine gute Willensentscheidung. Sie ist nicht Auslöser der Gnade, sondern Ergebnis der Gnade. Ansonsten würde unser Heil ja auf Werken menschlichen Wollens beruhen, was eine Verkehrung des Evangeliums bedeuten würde. Darum predigte Luther auch sonst entschieden gegen die falsche Lehre vom freien Willen und sagte: „Da die Menschen Fleisch sind, wie Gott selbst bezeugt, so können sie nicht anders als fleischlich gesinnt sein. Deshalb kann der freie Wille nur zum Sündigen ein Vermögen haben.“ [2] Wir berufen uns natürlich nicht auf Luther, sondern auf die Heilige Schrift. Aber es wundert uns nicht, dass ebenso alle anderen Reformatoren und auch viele große Männer der Christenheit sich konsequent an dieser biblischen Wahrheit festgehalten haben. Nichts habe ich zu bringen Warum ist diese Lehre nun so wichtig? Weil wir uns sonst anmaßen, dass wir durch unsere „freie Willensentscheidung“ selbst unsere Errettung ausgelöst hätten. Hören wir noch einmal Luther: „Wer des Menschen freien Willen verteidigen will, dass er etwas vermöge in geistlichen Dingen und mitwirken könne, auch im geringsten, der hat Christum verloren und verleugnet.“[3] Warum ist er so drastisch? Weil er das Evangelium verdreht sieht. Denn wer die ausschlaggebende Ursache für seine Errettung in seiner eigenen Willensentscheidung sieht, will durch seinen Vorzug selig werden, den andere Menschen nicht erbringen. Aber das wahre Evangelium besteht darin, anzuerkennen, dass wir für unser Heil nichts mitbringen können, auch nicht unseren guten Willen. Denn aus Gnade sind wir errettet und nicht aus Werken, auch nicht aus Werken unseres gefallenen Willens. Darum hat der Liederdichter recht, wenn er in dem Lied „Stern, auf den ich schaue“, singt: „Nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist Du!“ Wir sind gerettet – nicht weil wir wollten, sondern weil Gott uns aus freien Stücken und purer Gnade willig gemacht hat. Darum soll sich kein Fleisch rühmen und auch kein freier Wille. Denn Ehre gehört dem Herrn allein. Gepriesen sei Sein Name!


1 Siehe Taube September 2011
2 Luthers sämtliche Schriften, von Dr. Johann Georg Walch, Bd. 18, Spalte 1876 f
3 Luthers sämtliche Schriften, von Dr. Johann Georg Walch, Bd. 22, Spalte 385